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Die Angst vor dem Verlassenwerden
Verlustangst entsteht häufig durch frühe Kindheitserfahrungen, in denen emotionale Sicherheit und Nähe gefehlt haben. Im Erwachsenenalter zeigt sie sich oft durch Anpassung, Schwierigkeiten beim Grenzen setzen und die Angst, nicht gut genug zu sein.
Die zwei zentralen Ängste, die viele von uns unbewusst durchs Leben begleiten, sind die Angst, verlassen zu werden, und die Angst, vereinnahmt zu werden. Beide haben ihren Ursprung häufig in unserer frühen Kindheit und entwickeln sich aus den Beziehungserfahrungen mit unseren Eltern oder den Menschen, die unsere primären Bezugspersonen waren.
Die Angst vor dem Verlassenwerden entsteht vor allem dann, wenn ein Kind erlebt, dass Mutter oder Vater emotional oder körperlich nicht verfügbar sind. Das kann durch Trennung, Scheidung oder den Tod eines Elternteils geschehen. Aber auch Eltern, die aufgrund eines hohen Arbeitspensums, eigener psychischer Belastungen oder anderer Umstände emotional und/oder physisch kaum erreichbar sind, können beim Kind ein tiefes Gefühl von Einsamkeit und Unsicherheit hinterlassen.
Besonders prägend sind die ersten sieben Lebensjahre. In dieser Phase ist ein Kind vollständig auf seine Bezugspersonen angewiesen – nicht nur für sein körperliches Überleben, sondern auch für emotionale Sicherheit, Geborgenheit und die Entwicklung eines stabilen Selbstwertgefühls. Werden diese Grundbedürfnisse nicht ausreichend erfüllt, erlebt das Kind häufig existenzielle Ängste. Aus seiner Perspektive bedeutet die Distanz oder Abwesenheit der Eltern nicht nur Einsamkeit, sondern kann sich wie eine Bedrohung für das eigene Überleben anfühlen.
Da Kinder die Ursachen für das Verhalten ihrer Eltern noch nicht verstehen können, suchen sie die Erklärung meist bei sich selbst. Unbewusst entsteht die Überzeugung: "Mit mir stimmt etwas nicht. Ich muss mich mehr anstrengen, damit Mama oder Papa mich lieben und bei mir bleiben." Als Schutzstrategie beginnt das Kind, sich anzupassen. Es versucht, möglichst brav, hilfsbereit, leistungsstark oder unkompliziert zu sein. Es entwickelt die Fähigkeit, die Bedürfnisse anderer wahrzunehmen, vorauszuahnen und die eigenen zurückzustellen, um sich irgendwie Liebe, Aufmerksamkeit und Nähe zu sichern.
Diese Anpassungsstrategie ist aus Sicht des Kindes sinnvoll, denn sie erhöht gefühlt die Chance, die Bindung zu den Eltern aufrechtzuerhalten. Das wird aber zum Problem später im Leben. Viele Menschen mit einer ausgeprägten Verlustangst orientieren sich weiterhin stark an den Erwartungen anderer. Sie haben Schwierigkeiten, Grenzen zu setzen, Konflikte auszuhalten oder ihre eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen und durchzusetzen. Oft entsteht die Angst, nicht gut genug zu sein oder verlassen zu werden, sobald sie sich authentisch zeigen.
Die damalige Überlebensstrategie wird so zu einem Beziehungsmuster: Man sucht Bestätigung im Außen, vermeidet Ablehnung um jeden Preis und investiert viel Energie darin, für andere da zu sein. Dahinter steckt keine Charakterscwäche, sondern der tief verwurzelte Wunsch nach Sicherheit, Zugehörigkeit und der Erfahrung, endlich bedingungslos geliebt zu werden.
Liebe Grüße
Julian