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Pille oder Psychologie?
Medikamente können Symptome lindern, doch manchmal verdrängt die schnelle Entlastung die Auseinandersetzung mit tieferliegenden psychischen Belastungen. Echte Veränderung kann entstehen, wenn wir eigene Muster hinterfragen, Verantwortung übernehmen und neben medizinischer Hilfe auch psychologische Wege gehen.
Eine Tablette sagt: „Das Problem bist du nicht. Das Problem ist dein Körper/ dein Kopf. Es ist eine reine Funktionsstörung des biochemischen Körpers und kein Ausdruck psychischer Themen.
Das ist sofort entlastend.
Eine Tablette ist die verlockende Abkürzung zur Entlastung. Es gibt nichts durchzufühlen. Zu hinterfragen. Es braucht keine Schuldgefühle. Du brauchst nicht deine Eltern hinterfragen. Du brauchst nicht zuzugeben, dass dich etwas überfordert.
Die Tablette verschiebt Verantwortung: Zum Arzt der sich dir gegeben hat. In die Arznei die bitteschön wirken soll. Du fühlst dich als Opfer des Leids und Empfänger der Lösung - nicht als aktiver Gestalter.
Gute psychologische Arbeit ist unbequem, weil sie oft die existenziellen Fragen anpackt. Sie beschäftigt sich nicht mit Symptomen und Problemen sondern mit Ursachen und Lösungen. Sie hinterfragt statt zu verwalten.
Pillen und Tabletten zu nutzen ohne die Ursachen zu berücksichtigen ist gefährlich.
Es externalisiert die Lösung und macht psychologische Arbeit scheinbar überflüssig. Es blendet systemische und psychodynamische Wirkungen aus.
Warum sollte ich in meine Bindungserfahrung gehen, wenn eine Pille mich ruhig stellt? Warum sollte ich meine Mutter/Vater-Beziehung aufarbeiten, wenn Sertralin das Job übernimmt? Wieso sollte ich mich mit meinem Kind auseinandersetzen wenn Ritalin hilft?
Das tiefere Problem: Psychologische Arbeit bedroht die eigene Identität.
Sie bedroht:
- Dein Selbstbild.
- Deine Narrative (die Geschichten, die du dir über dein Leben erzählst)
- Deine Rollenverteilung in Beziehungen
- Dein (berufliches) Selbstverständnis
Wenn ich zugebe, dass ich emotional nicht reguliert bin, dass ich Grenzen nicht setzen kann, dass ich mich in der gleichen Dynamik immer wieder wiederfinde, dann muss ich mich neu erfinden und fühle mich erstmal verloren.
Das System profitiert davon, wenn die Psychologie ausgeblendet wird.
Ein Mensch, der psychologisch arbeitet, wird selbstbestimmter. Er setzt Grenzen. Er verhandelt Macht neu. Er fragt nach seinem Preis. Er verlässt Jobs, Partner und Situationen, die ihm nicht dienen.
Das ist für bestehende Strukturen (Familie, Arbeitgeber, Gesellschaft) gefährlich.
Ein Erwachsener oder ein Kind, das Tabletten nimmt, funktioniert und passt in weiterhin bestehende Systeme. Er oder sie ist ruhig, angepasst, produktiv. Er fragt nicht nach dem Warum. Er nimmt seine Rolle an.
Das ist für bestehende Strukturen komfortabel.
(Tiefen-) Psychologische Arbeit ist dagegen unbequem, weil sie radikal emanzipatorisch ist. Sie sagt: „Du bist nicht kaputt. Du bist konditioniert. Und du kannst deine Konditionierung aufbrechen."
Das bedeutet: Verantwortung. Risiko. Verlust. Neuanfang.
Das ist für jeden einzelnen Menschen fordernd und für jedes System, das von der Anpassung profitiert, eine Bedrohung.
Liebe Grüße
Julian